In einer Kombination aus Social Media-Analyse und quantitativer Befragung in Deutschland und UK haben linkfluence by Q aus Mannheim und ODC Services aus München die öffentliche Diskussion über die Unruhen in Großbritannien analysiert. Während linkfluence by Q das deutsche Social Web betrachtete, befragte ODC Services in einer Online-Umfrage 677 Deutsche und 828 Briten. Die Studie zeigt, dass im Netz vor allem die Kritik an Politik und Medien im Umgang mit den Ereignissen im Zentrum steht. Die Umfrage von ODC Services ergibt, dass Deutsche und Briten unterschiedliche Meinungen dazu haben, was bei solchen Unruhen als legitimes Mittel des Protests zählt.
(Un)Verständnis im deutschen Web
Über was diskutierte die deutsche Blogosphäre im Kontext der Unruhen in UK? Eine quantitative und qualitative Analyse deutscher Blogs und Websites zeigt, welche Themen im Kontext der Unruhen im Netz diskutiert wurden. Zum einen beschäftigte sich die deutsche Netzwelt natürlich mit den Fragen nach Art und Ursachen der Unruhen. Interessanterweise lässt sich feststellen, wie vor allem in den ersten beiden Tagen der Begriff „UK riots“ in vielen Beiträgen in Blogs, Kommentaren aber auch Medien-Websites direkt ins Deutsche übernommen wurde. Erst nach und nach redet man auf deutschen Blogs und Webseiten von „Krawallen, Unruhen, plündernden Mobs oder Randale“ in Großbritannien. Es scheint, als ob gerade in den ersten Tagen weder die Netz-Öffentlichkeit, noch Medien und Politik die Ereignisse ganz klar verorten konnten oder wollten. In diesem Zusammenhang wundert es nicht, dass ein vieldiskutiertes Thema der Blogosphäre die Kritik an der Berichterstattung der Medien war. Dabei wird einerseits die Intellektualisierung der Unruhen als „Aufstand der Abgehängten“ durch deutsche Feuilletons kritisiert. Andererseits reibt sich die Netzgemeinde an einer Vereinfachung der Medien-Darstellung, die die Unruhen auf willkürlichen Krawall von arbeitslosen, frustrierten Jugendlichen reduziert, ohne die die Komplexität der Ursachen zu berücksichtigen.
Social Media Verteufelung – Ein Zeichen der politischen Hilflosigkeit
Auf harsche Kritik stoßen dabei insbesondere Äußerungen aus Politik und Medien über Twitter und Blackberry als Mobilisierungsmedien. Für die Netzwelt signalisiert diese Reduktion der Ereignisse auf die Frage nach der gesellschaftlichen Verantwortung von Facebook oder Twitter ganz klar politische Hilflosigkeit. Ein Artikel zu diesem Thema auf netzpolitik.org zog beispielsweise eine erhitzte User-Diskussion mit vielen Kommentaren nach sich. Auf einem anderen Blog kritisiert ein User, dass die Schuldzuweisungen am Blackberry-Dienst oder sozialen Netzwerken nur dafür sorgen, dass die tieferen Ursachen wieder einmal von der Politik verdrängt werden können, denn „im Konkreten sollen jetzt die noch vor ein paar Monaten in den Himmel gelobten sozialen Plattformen schuld daran sein, dass sich die Unruhestifter so ungestört absprechen konnten.“ Die Blogger sehen hier eine typische Reiz-Reaktion der Politik: Verbote anstatt Verstehen und Auseinandersetzung.
Deutsche und Briten uneins über legitime Formen des Protests
Neben der deutschen Netzwelt scheint auch die britische Bevölkerung eine gewisse Hilflosigkeit der Politik zu beobachten, was sich aus der Umfrage in Großbritannien ablesen lässt, die ODC Services letzte Woche parallel zur Social Media-Analyse von Q | unter 828 Briten und 677 Deutschen durchgeführt hat. Gerade mal 9% der britischen Befragten sind mit dem Krisenmanagement der Politik zufrieden. 71% sind dagegen nicht zufrieden oder sogar enttäuscht vom Umgang der Politiker mit den Unruhen. Ein erheblicher Unterschied zwischen deutschen und britischen Befragten ergibt sich bei der Frage danach, welche Formen des Protests sie als legitim erachten. Während 76% aller deutschen Befragten Demonstrationen als legitimes Mittel des Protests sehen, sind es unter den Briten nur 34%. Ähnlich verhält es sich mit Streiks oder Arbeitsniederlegung als Protestform. Diese sehen doppelt so viele Deutsche wie Briten – 56% versus 26% – als legitim. Noch frappierender sind die Unterschiede bei der Frage, ob Gewalt gegen die Polizei eine legitime Form des Protests ist. 17% der deutschen Befragten können sich Gewalt gegen die Polizei unter Umständen als Mittel des Protests vorstellen, aber nur 5% der Briten sehen dies so.
Trotz der Gewalt: Solidarität als hoffungsvolles, politisches Moment?
Wenig verwunderlich ist, dass sich die meisten Blogger – egal in welche thematische Sphäre des Webs man blickt – darüber einig sind, dass die Unruhen nicht überraschend kamen. Die Gewalt der Unruhen wird von der großen Mehrheit der deutschen Internet-User grundsätzlich verurteilt. Jedoch findet sich auch eine Vielzahl an mahnenden Beiträgen, dass sich die Situation in UK nur für den Moment beruhigt hat. Ein User auf Spiegel Online zieht zum Beispiel in einem Kommentar das Fazit: „Wer die Problemursachen nicht analysiert und die Bedingungen verbessert, unter denen Menschen leben müssen, der muss solche Bilder halt alle paar Jahre ertragen“. Die Web-Community sieht in den Ereignissen jedoch auch ein bedeutendes politisches Moment, was ein Blogger mit den Worten „Es ist eine Art politisches Aufstoßen. Das hat zwar wenig mit politischem Bewusstsein zu tun, ist aber deshalb noch nicht unpolitisch.“, beschreibt. Schaffen die Unruhen vielleicht eine ganz neue Form der Bürgerbeteiligung und Solidarität, die letztlich ohne die Politik auskommt? Hoffnungsvoll illustriert durch die Aktion #riotcleanup, bei der sich Bürger über Twitter und Facebook zu Aufräumaktionen zusammenschließen. Ein aus London bloggender Deutscher berichtet zum Beispiel: „Es gibt auch eine andere Seite: Menschen, die zusammenhalten, über Twitter werden über den Hashtag #riotcleanup Aufräumaktionen gestartet, viele wollen sich ihr Leben durch blinde Zerstörung nicht kaputt machen lassen. Es gibt enorm viel Solidarität in den Communities, und man verspürt Hoffnung, wenn man sieht was passiert.“
Hungersnot und Syrien, nein Danke!
In der Nachbetrachtung zeigt sich auch die Schnelllebigkeit und der Verdrängungswettbewerb von Themen im Web überdeutlich. Besonders die Proteste in Syrien und die Hungersnot in Afrika verlieren klar an Gesprächsanteil. Die Themen Euro- /Schuldenkrise und Börsenturbulenzen können die Unruhen nur tageweise im Web verdrängen. Im 7-Tages-Schnitt bleibt das Thema Finanzkrise trotz ausbleibendem Mega-Börsencrash mit 47% Gesprächsanteil Spitzenreiter im deutschen Web. Die Unruhen in UK setzten jedenfalls am gestrigen Montag ihre Themenbuzz-Talfahrt erst einmal fort.
Autoren: René Kaufman & Oliver Tabino
